CCCXIV — Lob des al-Manṣūr b. an-Nāṣir
36 Verse
1–8 Palastbeschreibung
9–16 Orangenbaum-Wettstreit
17–28 Wasserspiele & Wunder
29–33 Löwen & Tiere am Becken
34–36 Säle & Sternenhimmel
Zum Kontext
Al-Manṣūr ibn an-Nāṣir (reg. 1088–1105) war der sechste Herrscher der Hammadiden von Béjaïa (Algerien) und verlegte den Hof dorthin, wo sein Vater an-Nāṣir ibn ʿAlnās zuvor die Residenzstadt an-Nāṣiriyya gegründet hatte. Ibn Ḥamdīs besingt hier einen der Paläste und Gärten, die al-Manṣūr dort errichten ließ — eine der ausführlichsten Palast- und Garten-Ekphrasen des ganzen Diwan, mit einer eigenen kleinen Menagerie aus steinernen Löwen, einem wasserspeienden Giraffenbrunnen und sprechenden Vögeln.
01Zwischen dem Sternenglanz des Ruhms und des Aldebaran erhebt sich ein Palast,
gebaut vom Architekten des Glücks.
02In seiner Schönheit stellt er al-Ḫawarnaq und as-Sadīr in den Schatten;
seine Giebel überragen den Īwān Kisrās.
03Wenn Du die Anordnung seiner Säle bewundert
und sie dir bewusst gemacht hast,
04gewähre al-Manṣūr den Preis der Erhabenheit —
Kisrā Anūširwān steht dem eindeutig nach.
05Ein Palast kann geringer sein als sein Ruf; bei dem ist es nicht so,
weder nach Schönheit noch nach Kunstfertigkeit.
06Wie aus durchsichtigen Perlen erbaut, blendet er die Augen
mit lebhaftem Glanz.
07Niemand kann seine Zinnen besteigen,
wenn nicht über die Stufen des Staunens.
08Verweile im Lande des an-Nāṣir, bewundere die Würde des Ortes,
wie weit man mit Macht kommen kann.
09Im Garten — ein Paradies aus leuchtendem Grün —
wirst Du umweht von duftendem Hauch.
10Wie glühende Kohlen erscheinen Orangen,
als wärn sie aus Feuer erschaffen,
11als wärn sie Äpfel aus rotem Gold
und die Zweige ihre Poloschläger.
12Wenn die Zitronatszitrone mit ihr in Wettstreit träte, würde sie sagen:
„Lass davon ab. Lass die Zeichen des Wohlstands sich entfalten.
13Riechst Du an mir, hab ich den Duft des Geliebten,
und die Farbe des Verliebten, wenn Du mich anschaust.
14Gewahre die Farbe — die Farbe jenes Verliebten, der dir die rotgefärbten Finger zeigt.
Die Finger jeder Jungfrau wären wie meine."
15Das Wasser der Brunnen formt silberne Fäden,
die zu kleinen Kaskaden zerschmelzen.
16Als läge dort eine in Wellen geäderte Klinge,
hingeworfen am Tage der Schlacht von der Hand des Verzagten.
17Wie viele Bäume aus reinem Gold heben ihre Stämme hier empor
zu deinem grenzenlosen Staunen.
18Welche Wunder. Sie besprengen die Gärten mit feinem Wasserstrahl,
der aus Früchten und Zweigen versprüht.
19Darunter setzen sich Vögel, so niedlich und schön,
dass es keine zwei davon gibt.
20Es sind scheue Vögel, die sich an der Beredsamkeit und der Klarheit
der Sprache und der Darstellung versuchen.
21Und wenn sie es schaffen zu sprechen, unterhalten sie sich murmelnd
wie ewig rinnendes Wasser.
22Als hätte der Schöpfer eine ihm eigene Kunst,
durch welche das Unbelebte sich stolz über lebendige Materie erhebt.
23Aufrecht stehen sie über ihrem Becken,
als hielte mich ihr Wunder im Staunen gefangen.
24Sie glauben wohl, dass die Süße ihres Wassers
wie Honig sei, den sie mit der Zunge probieren.
25Dort gibt es sogar eine Giraffe. Durch die Nüstern fließt Wasser,
es stellt seinen Strahl zur Schau, als würde er fliegen.
26Steht dort fest wie eine Lanze, durchbohrt sie die Rüstung —
merkst Du, dass die Spitze gekrümmt ist.
27Es scheint, als drohe sie dem Himmel mit einem Feuerstahl,
aus dem Perlen um Perlen hervorschießen.
28Würde sich dieses Wasser in Naphtha verwandeln,
hätte es durch die Luft die Kleider der Wolken entzündet.
29An den Rändern des Beckens stehn Löwen,
demütig gebeugt vor der Macht des Fürsten.
30Sie wirkten, als wollten sie die Menschen bedrohn —
den Körpern wurden daher die Seelen genommen.
31Die Kühle des Wassers scheint ein Feuer zu löschen,
das ihre Wildheit entzündet.
32Es scheint, dass die Schlangen, die aus den Löchern kriechen,
sich in den Teich stürzen sollen.
33Die Fische scheinen vor ihnen keine Angst zu haben,
als ob al-Manṣūr persönlich für ihre Sicherheit bürge.
34Wie viele Räume, in denen die Heiterkeit wie im Zirkus
wetteifert mit den Rössern des Scherzes.
35Dort zeigen die Statuen ihre anmutigen Wangen,
und man glaubt sich im Prunksaal des Ghumdān-Palastes.
36Im Hintergrund seines Himmels stehen die Planeten
— ihre Kuppeln gebaut wie die himmlischen Sphären.
- Aldebaran (ad-Dabarān, „der Nachfolgende"): folgt am Himmel den Plejaden; kann in der arabischen Dichtung für unerfüllte Sehnsucht und Beharrlichkeit stehen.
- Al-Ḫawarnaq und as-Sadīr: sagenumwobene Paläste der Lachmiden bei al-Ḥīra (Irak), Sinnbilder königlicher Pracht. Der Īwān Kisrās (Ṭāq-e Kisrā) ist die monumentale Audienzhalle des sasanidischen Königspalastes in Ktesiphon.
- Kisrā Anūširwān: der sasanidische Herrscher Chosrau I.; „Kisrā" ist die arabisierte Herrscherbezeichnung, kein Eigenname.
- An-Nāṣir ibn ʿAlnās (reg. 1062–1088): Vater al-Manṣūrs, Gründer von Béjaïa/an-Nāṣiriyya.
- Sawlaǧān: Poloschläger, ein gebogener Schlagstock für das Polospiel.
- Vers 13/14 nutzt im Original die im Ghazal übliche grammatische Ambiguität der Geliebtenanrede (amato/innamorato) — ob Mann oder Frau gemeint ist, bleibt offen oder changiert bewusst.
- Ghumdān: ein sagenumwobener vorislamischer Palast in Sanaa (Jemen), in der arabischen Dichtung Inbegriff prachtvoller Architektur.