Zungen aus Feuer

Bilder, die wiederkehren

Themen und Motive

Vier Bildfelder kehren durch mehrere Gedichte und Gattungen hindurch wieder. Hier stehen sie quer zur Ordnung nach Gattung.

Naphtha & Griechisches Feuer

Vier Belegstellen im Diwan beschreiben Naphtha-Feuerwaffen zur See — meist im Kontext des Seesiegs ʿAlī ibn Yaḥyās vor Gabès 1118 (CXXXVIII, CLVII, CCXCII), einmal als freies rhetorisches Bild in einer Alterswerk-Rückschau (CCLXIX). Mehrere zitieren, direkt oder indirekt, dieselbe koranische Höllenformel aus Sure 18:29: kal-muhl yaŠwī l-wuǧūh, „wie Muhl, das die Gesichter versengt" — muhl selbst bezeichnet eine glühende, zähflüssige Masse (geschmolzenes Metall oder schwarzer Ölbodensatz).

Eine wichtige Einschränkung: Nur CXXXVIII (Vers 45, „aus dem Bronzerohr schoss eine brennende Flut") beschreibt ein Sprüh-/Siphonsystem, das dem eigentlichen, streng geheimen byzantinischen Griechischen Feuer entsprechen könnte. CLVII, CCLXIX und CCXCII sprechen dagegen vom einfacheren, geworfenen Brand-Naphtha, wie es im gesamten mittelalterlichen Mittelmeerraum verbreitet war. Schiaparellis Text selbst sagt an keiner Stelle wörtlich „fuoco greco", sondern durchweg „nafta ardente" — die Bezeichnung „Griechisches Feuer" bleibt also eine interpretierende Zuspitzung, kein Fund im Text.

Naphtha taucht bei Ibn Ḥamdīs außerdem völlig unkriegerisch auf: In CCCXIV (Vers 27–28) wird ein Springbrunnen hypothetisch mit brennendem Naphtha verglichen — ein reines Gedankenexperiment, kein Waffenbild. Das Wort scheint ihm generell als Bild für plötzliche, helle Zerstörungs- oder Leuchtkraft zur Verfügung zu stehen, unabhängig vom Kontext.

CLVII — Naphtha-Kriegsschiffe (Auszug, Verse 24–28)

Teil einer weiteren Sizilien-/Syrakus-Klage, mit Rückblick auf Feldzüge nach Kalabrien und Trauer über Kirchen an Stelle von Moscheen. Die Farben Rot und Gelb (Vers 25) entsprechen der Standarte der fatimidischen Kalifen — ein politisches Loyalitätssignal, das zugleich an Siziliens eigene Flotte unter den Kalbiden (948–1053), den fatimidischen Statthaltern der Insel, erinnert. „Zanğ" (Vers 25) bezeichnete ursprünglich die Suaheliküste und ihre Bewohner; hier dient es als Farbvergleich für die pechgeschwärzten Schiffsrümpfe. Der „Schnupftabak des Todes" (Vers 24) ist eine bittere Ironie: der ätzende Naphtha-Rauch als tödliches Gegenstück zu einem eingeatmeten Heilmittel.

24Ein Kriegsschiff schleudert das Feuer seines Naphthas, sodass die Nasen den Schnupftabak des Todes einatmen.
25Du siehst sie in roten und gelben Filzen, wie Töchter der Zanğ, im Brautzug geführt.
26Wenn in ihnen die Öfen rauchen, glaubst du, es öffneten sich in ihnen Vulkanschlünde.
27Ach! In Castrogiovanni war eine Festung, von ihnen besetzt — und nun ist jede Spur des Islam verschwunden.
28Und, o Wunder! Dämonen haben sich niedergelassen in den Sternbildern der Sternschnuppen.

CCXCII — Lob Ali ibn Yahyas (Auszug, Verse 20–23)

Aus einem Glückwunschgedicht zum gemeinsamen Ramadan-Fasten und zur Genesung des Emirs von einer Krankheit. Die „schwarzen Bräute des Todes" (Vers 23) führen die Brautzug-Metaphorik aus CLVII fort — dieselben pechschwarzen, bunt behangenen Schiffe, hier noch unheimlicher zugespitzt.

20Mit der Wirkung eines fallenden Sterns schlägt er mit Feuer, wen auch immer Widerstand leistet.
21Und mit Schiffen, ausgerüstet mit dem Naphtha des Krieges, welches immer wieder das Wasser entzündet mit lodernden Flammen.
22Gekleidet in bunte Filze, wie blühende Beete auf den Hügeln, blenden sie dich und nehmen die Sicht.
23Filze, die die schwarzen Bräute des Todes enthüllen, gekleidet zum Fest auf den Wellen des grünschimmernd stürmischen Meeres.

Augen, Licht, Blindheit

Ibn Ḥamdīs erblindete gegen Lebensende an Trachom (bezeugt u. a. durch ein eigenes Krankheitsgedicht, Diwan Nr. 124, das Granara übersetzt). Diese biographische Spur lässt sich in mehreren, scheinbar rein konventionellen Bildern wiederfinden: der Fachbegriff collirio (Augensalbe), Kamillenblüten als reales Hausmittel gegen Augenleiden, und das koranische Muhl-Zitat, das an anderer Stelle Feindesgesichter „versengt" (CXXXVIII, Vers 42) — hier klingt dieselbe Formel im „Kollyrium des Lichts" (CCLXIX, Vers 41) versöhnlicher nach. In CCCXLVII (Vers 2) wird das Bild noch einmal aufgegriffen: Der Glanz des Palastes selbst könnte, als Kollyrium gerührt, einen Blinden sehend machen — eine dritte Variation desselben Bildfelds. In CCCLVII kehrt es sich um: Dort wird das Kollyrium zum Gift auf der Spitze des Blicks.

Exil & Heimweh

Das Grundthema seines gesamten Alterswerks: die Trauer um das arabische Sizilien, das er als junger Mann verließ und nie wiedersah — oft verwoben mit Erinnerungen an Weggefährten und die eigene Jugend, gelegentlich so eng mit politischem Verlust verschmolzen, dass unklar bleibt, ob eine „Geliebte" oder die Heimat selbst gemeint ist.

Waffen ↔ Natur

Eine wechselseitige Metaphorik, die in beide Richtungen gleich mühelos funktioniert: Rüstung wird zu Löwenfell und Heuschreckenaugen, Wasser wird zur Damaszener-Klinge, Wimpern werden zu Schwertern, Speere werden neidisch auf einen Hals. Waffen und Naturformen tauschen bei Ibn Ḥamdīs ständig die Rollen.