Arabische Gattungen und ihre Formen
Gedichtformen
Die arabische Dichtung ordnet ihre Gedichte nach Form und nach Thema. Beides läuft bei Ibn Ḥamdīs oft ineinander. Diese Übersicht erklärt die Begriffe, die auf den Gedichtseiten vorkommen, und ordnet die übersetzten Gedichte zu.
Qaṣīdaقصيدة
Die Qaṣīda ist die bekannteste Form der arabischen Dichtung. Ihre Wurzeln reichen in die vorislamische Zeit zurück. Typischerweise beginnt der Dichter mit dem Nasīb, der Klage um die verlorene Geliebte. Auf seinem Weg durch die Wüste hält er an den Spuren des einstigen Lagers, das nun verlassen daliegt, denn der Stamm der Geliebten ist längst weitergezogen. Er erinnert sich an das vergangene Glück und an den Schmerz der Trennung. Es folgt der Raḥīl, die Reise. Wie gut, dass ihm wenigstens sein Kamel ein treuer Gefährte ist, dessen Ausdauer und Schnelligkeit er ausführlich preist. Am Ende steht der eigentliche Zweck des Gedichts: der Ruhm des eigenen Stammes und der eigenen Person, die Schmähung der Gegner oder das Lob eines Herrschers.
Als Höhepunkt dieser frühen Dichtung gelten die Muʿallaqāt, eine Sammlung klassischer arabischer Gedichte aus der vorislamischen Zeit, überwiegend aus dem 6. Jahrhundert. In ihrer bekanntesten Fassung umfasst sie sieben Gedichte, unter anderem von Imruʾ al-Qais, Zuhair und Labīd.
Formal ist die Qaṣīda ein längeres Gedicht in einem durchgehenden Versmaß. Alle Verse enden auf denselben Reim. Dieser Monoreim fügt sich im Arabischen fast mühelos, im Deutschen dagegen wirkt er über längere Strecken schnell gezwungen. Rückert und Platen haben es dennoch versucht. Die Übertragungen hier verzichten darauf und wählen den freien Vers.
Zur Zeit Ibn Ḥamdīs’ hatte sich die Qaṣīda längst von der Stammesdichtung zu einer höfisch geprägten Form weiterentwickelt. Ibn Ḥamdīs wirkte nach seiner Flucht aus Sizilien zunächst in Sevilla am Hof al-Muʿtamids, später an den Höfen Nordafrikas, und er schöpft ganz aus dieser Tradition. Viele seiner Qaṣīden sind Preisgedichte. Sie sind oft dreigeteilt und verbinden verschiedene Register: das Liebes- oder Weingedicht, die Kriegsschilderung und natürlich das Herrscherlob. Auch die Wüstenreise kommt bei ihm noch vor, etwa in den Gedichten CCLXVIII sowie CCLXIX.
Mehrere der hier übersetzten Qaṣīden sind nur als Auszug überliefert oder von uns nur in Teilen übertragen. Der Begriff Qasidenfragment auf den Gedichtseiten meint dies.
Qiṭʿaقطعة
Die Qiṭʿa („Stück“, „Fragment“) folgt denselben formalen Regeln: ein Versmaß, ein Reim. Sie ist jedoch kürzer und meist auf ein einziges Thema konzentriert, etwa den Wein, eine Landschaft oder einen Augenblick. Sie ist eine eigenständige Gattung, und gerade bei Ibn Ḥamdīs finden sich darunter einige seiner schönsten Gedichte.
Ghazalغزل
Ghazal ist im arabischen Kontext eigentlich eine inhaltliche Kategorie, keine feste Form. Das ist ein wichtiger Unterschied zur persischen Tradition. Im klassischen Arabischen bezeichnet ghazal zunächst das Thema Liebesdichtung, oft ursprünglich nur den Nasīb-Teil einer Qaṣīda, wie in CCLXVIII, und kein eigenes Formschema. Erst in der persischen und später der osmanisch-türkischen und der Urdu-Dichtung wird daraus eine streng festgelegte eigene Form mit Refrainreim (radīf) und fester Verszahl. Für Ibn Ḥamdīs, den wir ausschließlich über die arabische Tradition kennen, ist Ghazal also eher das, wovon ein Gedicht handelt, als die Art, wie es gebaut ist.
Khamriyyaخمرية
Die Khamriyya, die Weindichtung, wird vor allem mit Abū Nuwās (8./9. Jahrhundert, Bagdad) als eigenständige Gattung etabliert, und zwar ausdrücklich gegen die klassische Qaṣīda-Konvention, die mit einem Nasīb eröffnet. Abū Nuwās verspottete diese Tradition und ersetzte die Klage an den verlassenen Lagerplätzen durch die Aufforderung, lieber zur Schenke zu gehen. Gleichzeitig übernahm die Khamriyya die gesamte rhetorische Ausstattung des Ghazal und übertrug sie auf den Wein selbst: Der Wein wird wie eine Geliebte beschrieben, oft als jungfräuliche Braut (ʿadhrāʾ), als verschleiert oder „gefangen“ in Fass und Amphore, bis er durch das Mischen mit Wasser „entschleiert“ wird („jene schöne Nonne, die ihr Kloster verriegelt“ in CX). Diese Personifizierung des Weins mit Liebesmetaphorik ist typisch. Bei Ibn Ḥamdīs kommt oft noch die Klage über das verlorene Vaterland hinzu.
Rubāʿīرباعية
Die Rubāʿī ist dagegen tatsächlich streng formal definiert, aber nicht über das Thema, sondern über Länge und Reimschema: ein Vierzeiler (zwei Doppelverse, bait) mit dem Schema AABA. Sie stammt ursprünglich aus dem Persischen (Omar Chayyāms berühmte „Rubāʿīyāt“) und wurde ins Arabische übernommen. Hier entscheidet die Form, nicht der Inhalt; Rubāʿīs können philosophisch, mystisch oder erotisch sein. Sie wird hier zur Abgrenzung erwähnt. Unter den übersetzten Gedichten bezeichnen wir keines so.
Waṣfوصف
Waṣf bedeutet „Beschreibung“. Gemeint ist Dichtung, die einen Gegenstand oder ein Naturbild mit einer Folge immer neuer Vergleiche ausmalt: Seerosen, das Meer, Anemonen, einen Falken. Sie steht als eigene Untergattung neben Ghazal und Khamriyya und ist oft mit ihnen verschränkt.
Ṭardiyyaطردية
Die Ṭardiyya ist die Jagddichtung. Sie ist mit dem Waṣf eng verwandt, hat aber eine eigene Konvention: das Tier, die Waffe, der Jäger. Ibn Ḥamdīs’ Falkengedicht CCIX gehört hierher. Der Begriff wird auch auf Kriegs- und Ruhmesdichtung mit religiöser Aufladung angewendet, in der der Herrscher als Streiter für den Glauben gefeiert wird.
Madīḥمديح
Madīḥ ist das Herrscherlob, die Panegyrik. Sie war über Jahrhunderte die wichtigste Einnahmequelle der Dichter und der eigentliche Zweck vieler Qaṣīden. Der Dichter rühmt Freigebigkeit, Tapferkeit und Abstammung seines Gönners; im Gegenzug erwartet er Gaben und Schutz.
Ḥikmaحكمة
Ḥikma ist der Weisheitsspruch, die Sentenz: knappe Verse über Charakter, Glauben und Ehre.
Fakhrفخر
Fakhr ist der Selbstruhm. Bei Ibn Ḥamdīs begegnet er vor allem als poetologisches Selbstlob: Der Dichter rühmt die eigene Kunstfertigkeit (ṣanʿa), meist eingebettet in ein Preisgedicht.
Rithāʾ al-mudun und Ḥanīn ilā l-awṭānرثاء المدن · حنين
Die Städte-Elegie und die Heimwehklage: die Trauer um verlorene Städte und das verlorene Land. Für Ibn Ḥamdīs ist das Sizilien, das er nie wiedersah. Dieses Thema durchzieht den ganzen Diwan und taucht auch in Gedichten auf, die anders beginnen.
Zuordnung der Gedichte
Die Zuordnung ist eine Lesehilfe, keine Wertung. Viele Gedichte gehören zu mehreren Gattungen zugleich.
Städte-Elegie und Heimwehklage
- XXV – Trauer um den Verlust der Heimat Sizilien
- CX – Trauer um den Verlust der Heimat Sizilien, Diwan-Nr. 110
- CLVII – Er erinnert sich an Sizilien und Syrakus, mit der Naphtha-Flotten-Passage
- CCLXIX – die Beduinen-Erinnerung, die in die Sizilien-Klage und den Kampfaufruf mündet
- CCCLII – Trauer um den Verlust der Heimat Sizilien
Ghazal (Liebesdichtung)
- IV – das Zicklein und der Sonnenuntergang
- VIII – Lied über die Liebe, die verstreuten Reiter, Liebes- und politischer Verlust
- CCLXVIII – der klassische Ruinenauftakt und die Ġulāmiyya-Passage
- CCCII – Kriegssöhne und Liebessöhne, die Schwerter der Wimpern
- CCCIV – Gazellenaugen, Speerblick
- CCCV – die Liebesnacht mit der Doppelbödigkeit von Trachom und Blindheit
- CCCX – die Liebeskrankheit-Konvention (maraḍ al-ḥubb)
- CCCLV – ein Vers, das Fragment
Khamriyya (Weindichtung)
- CX
- CXIX – Weinbecher im strömenden Kreislauf
- CCCV – Verse 1–14 reine Weindichtung, bevor das Ghazal-Register einsetzt
- CCCLIII – der Wein-Blitz-Vergleich
Waṣf (Naturbeschreibung)
Ṭardiyya (Jagd- und Kriegsdichtung)
- CCIX – zugleich Waṣf
- CXXXVIII – Griechisches Feuer, Lob des Ziriden ʿAlī ibn Yaḥyā
- CLVII – im Kriegsteil, Verse 24–28
- CCXCII – Naphtha-Schiffe im Lob des Emirs
- CCLXIX – Grenzland-Kriegerlob, Verse 18–32
Madīḥ (Herrscherlob)
- CXXXVIII – zugleich Ṭardiyya
- CCXCII – Glückwunsch an ʿAlī ibn Yaḥyā zu Ramadan und Genesung
- CCCXIV – Lob des al-Manṣūr ibn an-Nāṣir, mit Palastbeschreibung
- CCCXVII – Lob des Emirs ʿAlī ibn Yaḥyā, mit Selbstreflexion über die eigene Dichtkunst
Ḥikma (Weisheitsspruch)
- CCCIII – der Aphorismus über Charakter, Glauben und Ehre
Fakhr (Selbstruhm)
- CCCXVII – die Verse 31–34 über die eigene Kunstfertigkeit, eingebettet in das Herrscherlob
Hybride Gedichte
Viele dieser Gedichte sind gattungsmäßig gemischt. CXXXVIII vereint Madīḥ und Ṭardiyya, CCLXIX wandert von der Heimwehklage über die Kriegsdichtung bis zur Ṭardiyya, CCCV verbindet Khamriyya und Ghazal in einem einzigen Gedicht. Ibn Ḥamdīs hält sich selten an eine reine Gattung, sondern lässt die klassischen Register ineinander übergehen. Es ist genau die Beweglichkeit, die die Qaṣīda seit jeher auszeichnet, hier besonders kunstvoll gehandhabt.